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fml 3/2010, Editorial

Wer hat eigentlich bestimmt, dass die Branche „schlucken“ muss und wer profitiert?

 

Japaner sind schon lustige Menschen, vor allem sind sie konsequent, was sich in drei Begriffen umschreiben lässt: Karoshi, Harakiri und Nasubi. Dass es beim Kapitalismus darum geht, sich ausbeuten zu lassen, um andere reich zu machen, hat der Japaner so sehr verinnerlicht, dass es sich ähnlich verhält wie ein Schwein, das sich selbst in Scheiben schneidet und paniert. Ohne zu fragen, wer ihm da was anordnet und was es ihm hilft, schuftet er, bis er ausbrennt und ablebt. Das nennt man Karoshi.

Dem Japaner kann es nun, wie jedem Ausgebeuteten passieren, dass ihn niemand mehr ausbeuten mag. Dann schämt er sich; anstatt nun aber Hartz IV zu beantragen, Verblödungsfernsehen zu glotzen und aus Frust die Nazis zu wählen, entleibt er sich per Schwert. Das nennt man dann Harakiri ­– eine Art Masturbations-Karoshi ohne Urlaubsentgelt, was es aber in Japan eh’ nicht gibt, weil sich der Japaner schämen täte, seine Firma auf diese Weise zu bestehlen, wo sie doch schon so großzügig ist, ihm ein wenig Lohn zu bezahlen.

Wettbewerb ist der Kapitalismus in Reinform und das hat sich inzwischen sogar bis zum rückständigen Europäer rumgesprochen, der jahrzehntelang glaubte, man müsse um „Erfolg“ zu haben, irgendwas können, leisten oder haben – ein Talent, eine Fähigkeit, irgendwas. Quatsch, lehrt da die Fernseh-Realität, man muss nur verkaufen, sich selbst, so schmutzig, derb und sinnlos es geht, inklusive Beschimpfung, Entwürdigung und Konfrontation. Aber der Deutsche ist halt ein lahmer „Siach“ im Vergleich zum Japaner. Der hat Nasubi erfunden – benannt nach einem Mann, der sich monatelang nackt in eine leere Wohnung setzte und von dem lebte, was er durch die Teilnahme an ungefähr 1000 Preisausschreiben gewann, und sich Tag und Nacht filmen ließ. Als das Gewinnziel erreicht war, wurde er nach Südkorea verbracht und musste dasselbe nochmal durchmachen, bis nach 15 Monaten die Kohle für die Heimreise erwirtschaftet war. Ganz Japan war begeistert und seitdem heißt diese Eigenschaft Nasubi!

So und ähnlich müssen sich die rund 600 Partnerwerkstätten der Innovation Group derzeit fühlen. Der Schadenvermittler hatte kürzlich seinen „Partnern“ einen neuen „Partnervertrag“ zugeschickt. Neuerung in diesen Veträgen: Innovation Group will küftig auch alle ungesteuerten Unfallschäden zum reduzierten Stundenverrechnungssatz regulieren. Der klassisch-japanische Karoshi also!

Im Prinzip als Ergänzung dazu klingen dann Statements wie die, die Klaus-Jürgen Heitmann, Mitglied des Vorstands der HUK-Coburg-Versicherungsgruppe unlängst äußerte. Man brauche einen Reparaturmarkt, der ein Markt sei, merkte Heitmann an und hatte dabei die Stundenverrechnungssätze von zirka 120 Euro der Markenwerkstätten im Blick. Dass unsere freien Reparaturwerkstätten meist nicht einmal 60 Euro für die Arbeitsstunde erhalten ist für Heitmann kein Widerspruch, denn wie meinte er: „noch ist keiner unserer Vertragspartner Pleite gegengen!“

Schweigend zusehen macht also fit für den Tag, an dem man sich selber für was noch Härteres wappnen muss. Und es freut wirklich jeden aufrechten Anhänger der Wettbewerbsreligion, wenn es seinem Wettbewerber oder irgendeinem anderen Trottel noch dreckiger geht als ihm.

Da sollten wir vielleicht noch auf den Begriff „Desk Rage“ zu sprechen kommen. Damit ist der Zustand gemeint, dass von unzumutbarer Belastung Gebeutelte und Gequälte Brüll- und Tobsuchtsanfälle kriegen, Schreibtische in Trümmer schlagen und sich hinterher erleichtert und entspannt wieder ihrer eigentlichen und geliebten Arbeit zuwenden. Abgesehen von der zwangsläufigen Kündigung wird dies als Segen und lebensrettend empfunden.

Herzlich, Ihr
Wolfgang Auer


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